Prostitution: Wenn eine Wählerfrage mich zweifeln lässt

Die heiße Phase des Wahlkampfes ist da. Jetzt sind Kandidierende, wie ich, gern auf Podien gesehen. Dort stehen wir Rede und Antwort. Vereine, Bürgerinitiativen, Schulen, Altenheime und Verlage veranstalten diese sogenannten Wahlforen. Eingeladen ist meist ein*e Kandidierende*r jeder Partei oder Wählervereinigung. Die Zuhörenden sind oft Mitglieder oder Sympathisant*innen des einladenden Vereins. Der Inhalt der Fragen ist abhängig vom Veranstalter.

Obwohl ich als Kandidierende für die Kommunalwahl antrete, haben dann nicht alle Fragen einen kommunalpolitischen Bezug. Das ist verkraftbar, denn die Bürger*innen haben auch ein Recht auf diese Antworten. Ich muss mich schließlich ebenfalls in Landes- und Bundesfragen auskennen und hier meine Position darstellen können.

Dann stockte mir der Atem

Die Fragen sind also bunt gemischt und ich habe auch schon einige „schräge“ Fragen gestellt bekommen, auf die ich bisher immer eine Antwort wusste. Aber bei einer Veranstaltung zum Thema „Anteil der Frauen in der halleschen Kommunalpolitik“ stockte mir der Atem. Ich erinnere mich sehr lebhaft daran. Und ganz ehrlich: Ich werde über die gestellte Frage nicht fertig.

Eine Frage, die mich aus dem Konzept bringt

Ich nahm sie erst gar nicht richtig wahr und erst nach einigen Momenten, wurde mir klar, was uns Kandidatinnen da für eine Frage gestellt wurde. Sie lautete: „Wie unterstützen Sie IHRE Tochter bei der Umsetzung ihres Berufswunsches als Prostituierte?“

Ich hörte die Worte, die diese Frage bildeten, doch mein Hirn hatte sie noch nicht übersetzt. Erst nach und nach begriff ich, was ich da eben gehört hatte. Ich konnte es nicht glauben. Sicher hatte ich die Frage falsch verstanden. Ja, ganz sicher. Zum Glück war ich nicht als Erste dran. Die anderen Kandidatinnen auf diesem natürlich ausschließlich mit Frauen besetzen Podium, würden Antworten und aus ihren Antworten würde ich ableiten können, was wirklich gefragt wurde. Aber meine Ohren, mein Hirn hatten sich nicht geirrt. Die anderen Kandidatinnen sagten nämlich etwas in der Richtung wie:

„Die hygienischen Standards und die Sozialversicherungspflicht müssen unbedingt eingehalten werden“.

„Da ich weder Tochter noch Schwiegertochter habe, kann ich da nichts zu sagen.“

Also war die Frage tatsächlich gestellt worden. Und ich? Sollte ich auch so eine belanglose Antwort geben? Ich habe eine Tochter und die hier wissen das. Und ich will überhaupt nicht, dass meine Tochter Prostituierte wird. Ich würde sicherlich alles versuchen, um ihr das auszureden. Ich würde sie immer noch lieben, das ist klar, aber im Home-Office bei mir zu Hause arbeiten, das ginge definitiv nicht.

Aber wenn ich das jetzt sage, dann verletze ich bestimmt eine ganze Berufsgruppe und das will ich doch auch nicht. Kann doch jede arbeiten, was sie will. Aber meine Tochter würde ich schon versuchen, auf einen anderen Berufszweig zu lenken. So kreisten die Gedanken durch meinen Kopf.

Das Mikro kommt näher, ich muss antworten

Als das Mikro näher kam, wurde ich leicht unruhig. Was sollte ich sagen? Sollte ich ehrlich sein und vielleicht eine ganze Berufsgruppe beleidigen? Sollte ich drum herum reden? Sollte ich … aber Gott sei Dank! Ich kam als Einzige nicht an die Reihe. Die Prostituierten-Frage wurde mir erspart. Vielleicht habe ich zu panisch gewirkt!? Keine Ahnung. Ich wurde stattdessen gefragt, wie ich alleinerziehende Mütter fördern möchte. Da konnte ich gut antworten.

Dennoch, bemerkenswert bleibt, dass ich mir als Frau solch über griffige Fragen anscheinend gefallen lassen muss oder werden die Männer das auch gefragt?