Ungehorsam – Fluch oder Segen?

Es gibt schon kuriose Feiertage wie etwa den heutigen „Tag des Ungehorsams“. Der wird immer am 3. Juli gefeiert. Für mich ein willkommener Anlass, um über Ungehorsam nachzudenken. Was der für die Demokratie bedeutet und was das mit Pippi Langstrumpf zu tun, gibt es jetzt zu lesen.

Ungehorsam meiner Art

Für mich ist Pippi Langstrumpf der personifizierte Ungehorsam. Sie ist unangepasst, denkt selbstständig und handelt eigenverantwortlich. Dadurch gerät sie ständig in Konflikte, mit der Polizei, mit der Schulpflicht und anderem. Trotzdem ist sie bei all dem Chaos, was sie verursacht, reflektiert und hinterfragt die Dinge ständig. Dass sie dabei auf teilweise unübliche Antworten kommt, macht ihre Art des Ungehorsams nur noch klüger.

Für mich ist Ungehorsam – zivil, bürgerlich, gewaltfrei – deshalb Pflicht. Eines der effektivsten Mittel sind da beispielsweise Sitzblockaden. Sie sind Ungehorsam in Reinkultur, ohne auf Gewalt zu setzen. Die Demonstranten sagen nicht nur, was sie wollen, sie zeigen es auch. Sie behindern durch ihren Ungehorsam den normalen Betrieb, sei es auf Straßen oder vor Atomkraftwerken.

Manchmal genügen Transparente oder Petitionen im Internet nicht, manchmal muss der Missstand auch deutlicher angeprangert werden. Dafür ist der zivile Ungehorsam wunderbar geeignet. Er ist nicht nur wichtiger Teil der demokratischen Ordnung, er verschafft dem Individuum neue Einsichten. Das macht seinen Reiz aus und sein Potenzial, Dinge wirklich zum Besseren zu ändern.

Der „Tag des Ungehorsams“ oder der „National Disobedience Day“

Die USA sind ja, laut Eigenwerbung, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wo, wenn nicht hier taucht im Feiertagskalender ein „National Disobedience Day“, kurz „Disobedience Day“ auf? Wie nun die US-Amerikaner darauf gekommen sind, dem Ungehorsam einen Feiertag zu widmen und warum er gerade am 3. Juli begangen wird, das war für mich nicht herauszubekommen.

Allerdings fällt auf, dass der 3. Juli einen Tag vor dem 4. Juli, also dem „Independence Day“, liegt. Der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist sozusagen ein Ungehorsam vorausgegangen. Immerhin wollten die Menschen in den Kolonien der neuen Welt nicht nur Steuern an das Vereinigte Königreich zahlen, sie wollten dafür auch eine Stimme im Parlament haben. Das war sogar laut britischer Verfassung ihr Recht. Die britische Regierung lehnte es allerdings ab und ging mit äußerster Härte gegen die aufmüpfigen Kolonisten vor. So wurde aus Ungehorsam ein Unabhängigkeitskrieg, der schließlich in der Unabhängigkeitserklärung gipfelte. Die größte Demokratie der Welt entstand. An dieser Stelle würde natürlich ein Seitenhieb auf Donald Trump und dessen Demokratieverständnis passen, aber den verkneife ich mir.

Andere sehen den Ursprung des Ungehorsamkeitstages bei Mahatma Gandhi, der durch friedlichen Ungehorsam sein Land befreite. Auch der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau dient aufgrund seines 1849 abgedruckten Essays „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ als möglicher Urheber des Feiertages.

Doch ich bin keine Historikerin bzw. Feiertagsforscherin, sondern ich will über den Ungehorsam an sich sprechen, nein, schreiben.

Ungehorsam in Ost und West

Das ich mit dem Ungehorsam auf Du und Du bin, zeigt allein meine politische Karriere. Immer gehen die Anfänge der Grünen auf Ungehorsam zurück. Für den westdeutschen Staat war in den 1970er Jahren die Atomkraft der heilige Energie-Gral und Umweltschutz nur etwas, dass irgendwelche Hippies in Kommunen praktizierten. Gegen diese Haltung regte sich ziviler Widerstand, sprich Ungehorsam. Und so gingen aus der Anti-Atomkraft- und Umweltschutzbewegung der 1970er Jahre am 12./13. Januar 1980 in Karlsruhe „Die Grünen“ hervor. Heute sind sie eine feste demokratische Größe in der Bundesrepublik, etwas, dass sich in den 1980er Jahren keine der etablierten Parteien hätte vorstellen können. Ungehorsam wurde mit den Grünen zu einer staatsbildenden Kraft.

In der DDR war der zivile Ungehorsam wesentlich versteckter. Immerhin ging der Staat, insbesondere die Staatssicherheit, mit äußerster Effizienz gegen jede Art des Ungehorsams vor. Jedoch genügte selbst das in den späten 1980er Jahren nicht mehr. So kam es 1989 nicht nur zu einer gigantischen Ausreisewelle aus der DDR in die BRD, die Menschen in der DDR verlangten Änderungen am System. Sie praktizierten Ungehorsam. Die Macht dieses Ungehorsams wurde schließlich so groß, dass sie einen ganzen Staat zu Fall brachte.

Wenn ich mir die Verstrittenheit der Menschen in der Gegenwart ansehe (z. B. die aktuelle Krise der christlichen Schwesterparteien), ist es für mich nur schwer vorstellbar, wie damals ein solcher großer und vor allem friedlicher Protest möglich war.

Also, lasst uns alle einfach ein wenig Pippi Langstrumpf sein!