Kann ich mit dem Volkstrauertag?

Ich wurde gefragt, ob ich als Stadtvorsitzende der Grünen einen Kranz zum Volkstrauertag niederlegen möchte. Das brachte mich in ein gedankliches Dilemma, mit dem ich nicht gerechnet habe.

„Wollen sie, als Stadtvorsitzende einen Kranz zum Volkstrauertag niederlegen?“, lautete die Frage an mich. Natürlich kenne ich den Volkstrauertag. Allerdings tangierte er mich nur wirklich in meiner Jugend. Da empfand ich den Tag nämlich als Hindernis für meine Tanzgelüste – ja es gibt an diesem Tag ein Tanzverbot. Doch diesmal begann ich, den Volkstrauertag aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Volk & Trauer – spontane Ablehnung

Die Wörter Volk und Trauer in Verbindung lösen bei mir spontan eine ablehnende Haltung aus. Es klingt mir einfach zu nationalistisch. Auch hat es etwas kriegsverherrlichendes, eben diese typisch archaische Sicht auf Krieg und Zerstörung, die dann in einem merkwürdig verklärten Begriff von Heldentum gipfelt. Außerdem kommen mir Bilder von Kranzniederlegungen der NVA-Soldaten oder SED-Führung an irgendwelchen Mahnmalen in den Kopf. Das typische DDR-Propaganda-Programm eben. Damit will ich doch nichts zu tun haben oder?

Aber es fragte mich jemand …

Aber es fragte mich jemand mit dem ich politisch auf einer Wellenlänge bin. Schon deshalb wollte ich die Frage nicht einfach mit einem „Nein“ abwehren. Ich begann, länger darüber nachzudenken. Was steckt eigentlich dahinter? Ich warf einen Blick in den Duden, der neben meinem Schreibtisch im Regal steht.

„nationaler Trauertag (am vorletzten Sonntag vor dem 1. Advent) zum Gedenken an die Gefallenen beider Weltkriege und die Opfer des Nationalsozialismus“, las ich dort.

In Wikipedia vertiefte ich dann die Sache. Hier fand ich raus, dass im Nationalsozialismus der Volkstrauertag tatsächlich zum „Heldengedenktag“ umgedeutet wurde. Wohl deshalb hatte ich diese Ablehnung gegenüber dem Tag. Aber ich las auch, dass wir derer gedenken, die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus geworden sind und zwar weltweit.

Der Opfer gedenken

„Gedenken an die Opfer“ – das klingt doch richtig, das ist doch nichts, was ich ablehne. Dennoch die geschichtliche Entwicklung des Volkstrauertages ist eine militärisch-männliche. Das merkt man ihm an. Für mich persönlich zeigt sich aber das Leid, das durch Krieg, Gewalt und Terror entsteht, immer am deutlichsten in den Bildern von leidenden Müttern. Und deshalb habe ich mich entschieden, einen Kranz niederzulegen und dazu folgende Worte zu sagen:

Wir denken an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer weltweit.

Wir gedenken heute besonders der Frauen und Mädchen, welche infolge kriegerischer Auseinandersetzungen an Armut, Hunger und Krankheit leiden müssen und mussten.

Wir gedenken der Frauen und Mädchen, welche als Vertriebene und Geflüchtete ihr Leben oder ihre Heimat verloren haben und auch heute noch verlieren.

Wir trauern mit Müttern, Frauen und Töchter, deren Söhne, Männer und Väter in den Kriegen starben und dabei auch heute noch ihr Leben verlieren.

Wir gedenken der Frauen, welche jahrelang auf die Heimkehr ihre Söhne, Männer und Väter aus dem Krieg und aus der Gefangenschaft gewartet haben.

Das Gedenken und die Hoffnung gehört an diesem Volkstrauertag 2018 den Müttern, Frauen und Mädchen dieser Welt.

Mit euch ist die Hoffnung.

Durch euch wird Frieden.